Ivan Sivec: Tisoč najlepših besedil

SLOWENIEN - WIEGE VOLKSTÜMLICHEN MUSIK

DIE TEXTE DER VOLKSMUSIK


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Schon bei der Entstehung dieser Art Musik und auch später fanden gerade ihre Texte besondere Aufmerksamkeit, oft noch mehr als die Musik selbst. Einerseits ist die Meinung verbreitet, alle Musiktexte dieser Art seien schlecht oder kitschig, andererseits stimmt aber auch, dass sie von namhaften slowenischen Dichtern wie Tone Pavček, Svetlana Makarovič, Ervin Fritz, Branko Šoemen und Janez Menart geschrieben wurden und noch immer werden. Es gibt auch eine Vereinigung slowenischer Musikdichter, die mit allen guten Musiktextern in Verbindung steht und versucht, das Niveau anzuheben. Es mutet etwas ungewöhnlich an, dass es bei Radio Ljubljana bzw. Radio Slovenija und auch einigen anderen staatlichen Foren Kommissionen gab oder noch immer gibt, die Volksmusiktexte kontrollieren und bewilligen. Da das aber bei anderen Musikgattungen nicht der Fall ist, kommt es häufig vor, dass die Hörer der anderen Musikgattungen noch viel schnulzigere Texte zu hören bekamen als die der Volksmusik.

Da die volkstümliche Musik eine Mischung ist aus Volkskunst und modernem Kunstschaffen, können wir auch bei der Erörterung ihrer Texte die Versifizierung in der Volksdichtung mit der Vertextung bei den Avseniks als der ersten volkstümlichen Musikgruppe vergleichen. Da für die Avsenik-Kompositionen immer zuerst die Musik entstand - gewöhnlich neben der Melodie auch eine Adaption - war das Schreiben von Texten mehr oder weniger eine technische Aufgabe mit der nötigen persönlichen Inspiration. So wurden damit immer Texter betraut, die etwas von Versifikation verstanden. Wenn die Musik zumindest teilweise noch nach dem selben Prinzip wie die überlieferte Volksmusik entstand, so kam jedoch die grundlegende Inspiration für die Texte von den Autoren der Musik. Gewöhnlich legten sie den Texter darauf fest, worüber und wie er schreiben sollte. Sie schufen also zuerst die Musik und erwarteten dann vom Texter, diese musikalische Botschaft durch die entsprechenden Worte zu ergänzen.

Wenn die Urheber des Volkslieds "nicht nur Bauern, sondern auch andere Schichten sind, aus denen sich Einzeltalente abheben, die nicht nur Träger und Erhalter sondern auch Schöpfer von Volksdichtung sind", dann können wir feststellen, dass die Textautoren der Anfänge der volkstümlichen Musik diesen "Einzeltalenten" ähneln. Der erste Avsenik-Texter war Fery Souvan, ein Doktor der Wirtschaftswissenschaften (der aber sein eigenes Musikensemble hatte und sein Geld mit der Harmonika verdiente), Marjan Stare war nach abgebrochenem Slawistikstudium als Redakteur beim slowenischen Fernsehen tätig, Zvonko Čemažar arbeitete im Versicherungswesen. Auch andere Avsenik-Texter waren Reimdichter, und zwar aus verschiedenen Perspektiven - z. B. Nipič als Sänger, Tone Fornezzi-Tof und Vinko Šimek als Gelegenheitsdichter humoristischer Reime. Vilko Ovsenik, der sich um die Planung dieser Produktionen kümmerte, lud auch bekannte slowenische Dichter zur Mitarbeit ein, darunter Tone Pavček, Janez Menart und Ervin Fritz. Doch haben diese Autoren für die Avseniks nicht viele Texte geschrieben und auch die Hörer konnten sich mit ihren Versen nicht identifizieren.

Da die meisten Hits der Avseniks aus ihrer ersten Schaffensperiode stammen, also den ersten zehn Jahren, als die Texte nur von Fery Souvan geschrieben wurden - nur einen Text schrieb France Milčinski-Ježek, der mit den Avseniks als bekannter Radiohumorist zusammenarbeitete - wollen wir seine Texte etwas näher betrachten. Über ihre Entstehung erzählt sein Sohn Tomaž Souvan: "Der Text entstand manchmal schlagartig, oft wurde er aber auch über mehrere Tage oder auch Wochen bearbeitet. Wenn ihm ein Text gut gelungen war, zeigte er ihn immer der Familie. Anfangs schrieb er zur Musik von Avsenik auch die deutschen Texte. Finanziell brachte ihm das nicht sehr viel, da die Urheberrechte damals noch schlecht gesichert waren." Dies bestätigt zweierlei: einerseits ging es um ein planvolles Vertexten, andererseits war ohne einen Schuss Inspiration kein Text zustande zu bringen. Interessant ist, dass Stare seine eigenen Verse auch ins Deutsche übertrug. Unter den späteren Avsenik-Textern war Marjan Stare am stärksten im Vordergrund: "Da ich mit den Avseniks die ganze Zeit als Redakteur und auch als jemand aus ihrer Umgebung - mit Košir waren wir fast Nachbarn - in engem Kontakt stand, lud man mich ein, für jede LP oder Kassette mindestens sechs, acht Texte zu schreiben. Ich glaube, wir haben mit dem Stück auch einen Höhepunkt erreicht. Sofort als ich die Noten in die Hand bekam, fühlte ich: das wird ein großer Hit."

Die Texte zur Musik der Avseniks behandelte Ina Ferbežar in einer Seminararbeit an der Abteilung für Ethnologie. Darin stellt die Autorin fest, dass die Volksmusikgruppen ein Bestandteil der modernen slowenischen Kultur sind und fragt sich, inwieweit es sich um eine Fortführung der Tradition der Volksdichtung handelt und wie viel davon in den Texten der Avseniks übrig ist. Im Kapitel Vertextungs-Formel stellt die Autorin fest: "Bei diesen Texten lässt sich nur schwer von einer Aussagekraft sprechen, da die Autoren auf Bestellung schreiben und allzu gern in Kitsch und Schund und die Verwendung immer gleicher Metaphern und Wörter verfallen." Es scheint, dass Ferbežar der Wahrheit beim Vertexten mit folgender Feststellung am nächsten kommt: "Es ist klar, dass diese Musik für die breiten Massen bestimmt ist. Deshalb muss sie sich dem Publikum anpassen, die Texter müssen Geschmack, Wünsche, Bedürfnisse u. ä. der Zuhörer berücksichtigen."

Ferbežar widmet sich den folkloristischen Bestandteilen der Texte eingehender - vom ausgewählten Wortschatz bis zur betonten Gemütlichkeit und den einstigen Bekleidungs- und Ernährungsgewohnheiten - sie evidentiert Sprachformeln (z. B. edler Tropfen, Heimatort, stiller Wald) bei Sprachbestandteilen, die zu Gemütlichkeit (???passt hier nicht???) und Umgangssprache neigen und bei der Form. Im Kapitel Funktionaler und inhaltlich-thematischer Aspekt gliedert sie die Texte mit Hilfe der Štrekelj-Sammlung Slowenische Volkslieder in Heimat-, Liebes-, Humor- und Trinklieder, Lieder zu besonderen Anlässen u. a.

Abschließend schreibt sie: "Bei den Volksmusikweisen der Avseniks geht es um die Fortsetzung der Überlieferung und gleichzeitig um eine Innovation. Ihre Musik kann man als Massenkultur bezeichnen, denn Texte und Melodien sind für die Unterhaltung eines breiten Hörerkreises bestimmt... Die Texter schreiben nach einer einheitlichen formalen und inhaltlichen Formel. Die Lindsay-Definition des Schlagertextes könnte meiner Meinung nach auch für den Text Melodie gelten: Der Text des Schlagers ist eine verdichtete Botschaft oder Geschichte in Reimen und einfachen Worten. Das Metrum ist der einfachen Melodie angepasst. Es soll mehr das Gefühl als den Intellekt ansprechen, sein Wesen ist alt und bekannt, das Äußere leuchtend und neu. Es ist einheitlich und entwickelt sich schrittweise zum Höhepunkt und zu einem befriedigenden Ende. Die Texte wollen also konkret, knapp und gemütlich bzw. archaisch und auf eine Art naiv sein. Es handelt sich um kommerzielle "Poesie", bei der auch moderne Mittel eine Rolle spielen. Die Beliebtheit der "volkstümlichen" Melodien (zumindest in einigen gesellschaftlichen Gruppen) zeugt davon, dass wir sie in einem Maße akzeptiert haben (mit Freude oder Widerwillen), dass man von Folklorisierung sprechen kann ... Der Zweck ist jedenfalls erreicht: wenn sie schon keinen sehr großen Erfolg in den Städten haben, haben sie ihn in den Dörfern und vor allem im Ausland."

Ein solcher Versuch der Textanalyse ist zwar gut, es scheint aber, als habe die Autorin einen der wichtigsten Unterschiede zum Volkslied übersehen, und zwar die Rolle des Refrains in der volkstümlichen Musik. Dieser wurde gerade von den Avseniks verstärkt eingeführt und nach ihnen übernahmen ihn alle anderen Ensembles. Während der Refrain im slowenischen Volkslied "relativ selten" ist, bekommt er bei der volkstümlichen Musik eine neue, stark betonte Bedeutung. Fast alle Texte für die Avseniks und auch für andere Volksmusikensensembles folgen der Melodie. Diese besteht gewöhnlich aus Weise und Refrain oder aus Weise, Refrain und Zwischenstück. Die Weise ist weniger bedeutend, da die verbale Botschaft überwiegend in die erste Refrainzeile übertragen wird, die gewöhnlich auch der Titel der Stücks bildet. Die Geschichte des Liedes wird in der Weise zweimal wiederholt, der Refrain betont die Geschichte, stellt sie in ein anderes Licht oder fasst das Gesagte zusammen. Deshalb trägt der Refrain in der volkstümlichen Musik die wichtigste Botschaft und auch die Zuhörer können gewöhnlich den ersten Teil nicht singen, stimmen aber ohne Schwierigkeiten den Refrain an. Häufig wird der Refrain am Ende noch zusätzlich wiederholt, oft in einer höheren Tonlage.